Beiträge vom November 2020

Euthanasie in Erlangen – Werner Leibbrand und der Kampf um Gerechtigkeit

27. November 2020  Geschichte

Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein. Hier wurden auch viele Patient*innen der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen ermordet. (Bildurheber: Studio S, Farbmomente Dresden)

Das Centre for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN) stellte in einer Online-Veranstaltung das Leben und Wirken von Werner Leibbrand vor. Der sozialistische Arzt prangerte in seiner Publikation „Um die Menschenrechte der Geisteskranken“ (1946) die Ermordung von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung an und sagte im „Ärzteprozess“ als Sachverständiger aus.

„Die Nazis führten nicht nur einen rassischen Vernichtungskrieg nach außen, sondern einen ebensolchen Krieg im Inneren“, bilanzierte Prof. Dr. Andreas Frewer. Der Herausgeber des Bandes „Psychiatrie und ‚Euthanasie‘ in der HuPfla“ gilt als einer der besten Kenner der nationalsozialistischen Verbrechen in der Universitätsstadt Erlangen. Mit dem „Krieg im Inneren“ meinte er die 1939 von Hitler verfügte Ermächtigung zur Gewährung des „Gnadentodes“ und die damit einhergehende massenhafte Vernichtung von sog. „lebensunwertem Leben“. Menschen, die nicht dem Idealtypus des gesunden Ariers entsprachen, wurden im gesamten Reich getötet. Benannt wurde der Vorgang nach der Hausnummer der Zentraldienststelle in Berlin: Aktion T(iergartenstraße)4.

Bei dieser „Maßnahme“ wurden geistig und körperlich behinderte Menschen sowie unerwünschte Gruppierungen (v.a. Jüd*innen, sog. „Asoziale“) aus psychiatrischen Einrichtungen in sechs Tötungsanstalten (Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim, Pirna/Sonnenstein) ermordet. Wegen Protesten aus der Bevölkerung (v.a. Bischof Clemens August Graf von Galen, 1941) wurde dieses „Verfahren“ jedoch eingestellt und gegen die stationseigene „Hungerkost“ ersetzt. Patient*innen wurden nun in den Einrichtungen auf Nahrungsentzug gesetzt, so dass tausende unbemerkt hinter Anstaltsmauern starben. Laut aktuellen Forschungen wurden in Gaskammern und Hungerstationen schätzungsweise 275.000 Menschen getötet.

Einer der wenigen, der den ärztlichen Massenmord kritisierte, war der schwäbische Psychiater Werner Leibbrand. In den 20er Jahren trat er der Sozialistischen Ärztevereinigung bei und war (wie Albert Einstein oder Carl von Ossietzky) Mitglied der Liga für Menschenrechte. 1933 verlor er wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ seine ärztliche Kassenzulassung und musste 1944 mit seiner jüdischen Ehefrau Margarethe Bergius untertauchen. Als „Verfolgter des Naziregimes“ wurde er 1945 von den US-Amerikanern zum Leiter der Heil- und Pflegeanstalt (HuPfla) Erlangen ernannt. Dort dokumentierte er den Mord an 908 Patient*innen im Zuge der Aktion T4, sowie etwa 1.200 Menschen, die in der Nervenanstalt verhungerten. Seine Forschungen fasste er in dem Manuskript „Um die Menschenrechte der Geisteskranken“ zusammen.

Dies führte dazu, dass er als einziger deutscher Sachverständiger beim Nürnberger Ärzteprozess gegen SS-Ärzte wie Karl Brandt oder Joachim Mrugowsky aussagte. Beide waren für das Euthanasie-Programm oder tödliche Menschenversuchen an russischen Kriegsgefangenen verantwortlich. Für sein Engagement wurde Leibbrand von seinen früheren Kollegen sowie der Bevölkerung als „Nestbeschmutzer“ diffamiert. Etwa durch Paul Diepgen, der im Dritten Reich die Rassenhygiene in der Medizingeschichte etablierte und nach 1945 maßgeblich am Neuaufbau der Berliner Universität mitwirkte.

Leibbrand trat in der Nachkriegszeit vehement für eine Reformpsychiatrie ein. So warb er für eine offene und soziale Fürsorge von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Er setzte sich für eine ambulante Betreuung unter Beteiligung der Familie ein und spielte auch selbst mit seinen Klient*innen Theater. Sein Credo lautete, die „Patient*innen von den Ketten [zu] befreien“. Leibbrand starb 1974 in München.

Filmtipp:

Linke fordert Umdenken bei bayerischen Waffenherstellern

25. November 2020  Politik

Vor 75 Jahren fanden die Nürnberger Prozesse im Justizpalast statt. Benjamin Ferencz, damaliger Chefankläger im „Einsatzgruppenprozess“, fand deutliche Worte in seiner Video-Grußbotschaft. Seiner Forderung nach militärischer Abrüstung müsse man sich auch in Bayern anschließen, ist Linken-Vorsitzender des Kreisverbandes Schwabach-Roth Cornelius Voigt überzeugt. „Während ich hier spreche“, sagt Ferencz, „gehen die Kriege weiter. Wir geben täglich Milliarden von Dollar für die Herstellung von Waffen aus, um noch mehr Menschen zu töten.“ Der 100-Jährige schließt mit einem Appell: „Sie müssen sich dieser Realität stellen. Tun Sie, was in Ihrer Macht steht.“ Dieser Realität müsse sich auch Bayern stellen, erklärt Voigt. Denn rund ein Drittel der deutschen Wehrindustrie seien im Freistaat angesiedelt.

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NSU 2.0 – geht es in den Sicherheitsbehörden mit RECHTEN Dingen zu?

23. November 2020  Politik

Wie umgehen mit rechtsextremen Vorfällen in der Polizei? Bei der Online-Veranstaltung „NSU 2.0“ der LINKEN berichteten vier Frauen, die Drohbriefe des NSU 2.0 erhalten hatten, über ihr Vertrauen in die Polizei.

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Holocaust und Vernichtungskrieg in der Sowjetunion

20. November 2020  Geschichte

Slawuta, 2013, 2000 eingerichtetes Massengrab ermordeter Juden auf dem jüdischen Friedhof, [Foto: Jewgennij Schnajder]

Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten und dabei verübte Kriegsverbrechen waren Thema bei einer Online-Veranstaltung des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) e.V. sowie der Georg-von-Vollmar-Akademie e. V.

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Antisemitismus 2.0 – Judenhass im Internet

16. November 2020  Politik, Unkategoisiert

In Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern präsentierte der Sprachwissenschaftler Markus Weiß (TU Berlin) die Ergebnisse des DFG-Projekts „Verbal-Antisemitismen im Internet“. Dabei analysierte ein Forschungsteam von 2007 bis 2018 insgesamt 265.496 Kommentare von 6.374 Webseiten. In diesem Zeitraum verdreifachte sich die Anzahl der antisemitischen Online-Kommentare.

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Gedenken an den 9. November 1938

15. November 2020  Regional

Christel Hausladen-Sambale von der Initiative und Oberbürgermeister Peter Reiß bleibt wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nur die Möglichkeit, stumm ihre Mahnung vor der Gedenktafel anlässlich der Pogromnacht von 1938 zum Ausdruck zu bringen. (Text und Bild: Ursula Kaiser-Biburger)

Respekt! – Rassismus, Antisemitismus – unvereinbar mit dem Grundgesetz

Das Motto „Respekt! – Rassismus, Antisemitismus – unvereinbar mit dem Grundgesetz“ hätte den Beitrag der Geschichtsklasse V10B der städtischen Wirtschaftsschule thematisieren sollen, der für die diesjährige Gedenkfeier zum 9. November 1938 vorgesehen gewesen wäre. Aber die notwendigen Corona-Schutzverordnungen haben diesen nun verhindert. Aber das von Blumen-Schwarz gestiftete Gesteck vor der Gedenktafel im Rathaus-Durchgang lädt dennoch zum Innehalten vor der Gedenktafel ein.

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AfD-Stadtrat verurteilt

13. November 2020  Kommunalpolitik

SCHWABACH/GREDING – Da konnte sich Rechtsanwalt Jochen Lober (Köln) noch so sehr ins Zeug legen und auf das Recht aufs eigene Bild oder auf das Kunst- und Urheberrecht pochen: Am Ende der Verhandlung am Amtsgericht Schwabach verurteilte Richter Michael Schlögl den Freiburger AfD-Stadtrat Dubravko Mandic zu 60 Tagessätzen zu 120 Euro Geldstrafe. 7200 Euro also, die Mandic bereits nach einem Strafbefehl bezahlen sollte, gegen den er aber Einspruch erhoben hatte.

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Für eine Welt ohne Atomwaffen

12. November 2020  Kommunalpolitik

Erlangen ist schon seit einigen Jahren Mitglied von „Mayors for Peace“. Oberbürgermeister Florian Janik und Mitglieder des Erlangener Friedenskreises beim Hissen der Flagge vor dem Rathaus. Die wird am 8. Juli 2021 auch in Schwabach wehen. (Foto: Sobotka, NN)

Die Stadt Schwabach ist dem internationalen Städtebündnis „MAYORS FOR PEACE“ beigetreten.

SCHWABACH — Es kommt eher selten vor, dass finanzielle Folgen eines Stadtratsbeschlusses vom Oberbürgermeister privat bezahlt werden. In diesem Fall aber ist das so. Und zwar ganz freiwillig und gerne.

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