Dekolonisation – von 1775 bis heute

02. Mai 2022  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Toussaint Louverture auf einem 20 Gourdes-Schein, Haiti (gemeinfrei)

Die drei Phasen der Dekolonisation von 1775 bis in die 1960er Jahre sowie heute noch bestehende neokoloniale Herrschaftsverhältnisse waren Schwerpunkte der 17. Folge von Rosalux History. Dabei wurden Unabhängigkeitsbewegungen in Nord- und Südamerika, in Südostasien und Afrika thematisiert.

Vereinigte Staaten

Die erste Phase der Dekolonisation betraf die 13 britischen Kolonien in Nordamerika sowie die spanischen und portugiesischen Besitzungen der Karibik und Südamerika. Die dortigen Eliten wurden durch wirtschaftliche Prosperität selbstbewusster, von den „Mutterländern“ jedoch nicht in politische Prozesse eingebunden. Stattdessen erhöhten Großbritannien und Spanien nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) sogar die Steuern, um die Staatskasse auf Kosten der Kolonien zu sanieren. Dies führte zum Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783), der nach der Loslösung von London mit einem starken weißen Nationalismus jedoch weiterhin Frauen, Indigene und afrikanische Sklaven von politischer Teilhabe ausschloss.

Haiti, Bolivien, Commonwealth

1804 kam es in Haiti zur einzigen erfolgreichen Sklavenrevolution der Menschheitsgeschichte, im Zuge der Napoleonischen Kriege erfolgten Unabhängigkeitserklärungen spanischer Kolonien in Mittel- und Südamerika (Simón Bolívar, José de San Martin). Sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten unterstützten die Befreiungskämpfe, um den Konkurrenten Spanien zu schwächen. Friedlicher ging es in den einstigen britischen Kolonien (Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland) vonstatten. Dort überführten die weißen Eliten in der „zweiten Phase“ die Länder in einen Bund souveräner Staaten (Commonwealth of Nations). Wie in den USA wurde die indigene Bevölkerung auch weiterhin ausgegrenzt und unterdrückt.

Weltkrieg

Die dritte Phase der Dekolonisation begann ab 1945 in Südostasien und Afrika. Auslöser dafür waren die Ausbeutung der Gebiete, mit der die kostspielige Kolonialverwaltung refinanziert werden musste, erstarkende antikoloniale Bewegungen, die Auswirkungen zweier Weltkriege und der einsetzende Kalte Krieg. Im Ersten Weltkrieg kämpften hunderttausende Kolonialsoldaten aufseiten Frankreichs und Großbritanniens auf den Schlachtfeldern Europas. Forderungen nach politischer, wirtschaftlicher und geistiger Unabhängigkeit (Négritude-Bewegung) wurde jedoch nicht entsprochen. Im Zweiten Weltkrieg wurden die nordafrikanischen und südostasiatischen Kolonien selbst zum Kriegsschauplatz und mit dem Sieg der japanischen Armee gegen britische, französische und niederländische Truppen wurde deutlich: Die Europäer können vertrieben werden.

Südostasien

1945 erklärten Indonesien und Vietnam ihre Unabhängigkeit, dann die Philippinen (1946), Indien (1947), Myanmar, Sri Lanka und Indochina (Laos, Kambodscha, Vietnam) 1948. Im Indochinakrieg rangen die USA, UdSSR, VR China und die nationale Befreiungsbewegung um Einfluss. Nach der Niederlage der niederländischen Truppen wurde Indonesien 1950 unter Präsident Sukarno schließlich tatsächlich unabhängig. 1955 trafen sich dort 29 asiatische und afrikanische Staaten, welche die „Bewegung der blockfreien Staaten“ bildeten. Grundprinzipien waren die Anerkennung der Menschenrechte und eine friedliche Koexistenz. Weitere Treffen folgten in Jugoslawien und Ägypten.

Algerien, Angola, Namibia

Gemeinsam war vielen Bewegungen die Schaffung eines unabhängigen Nationalstaats. Klassen- und religionsübergreifend kämpften sie geeint gegen die jeweilige Kolonialmacht. Allerdings wurden nach der erfolgreichen Befreiung die kolonialen Grenzziehungen beibehalten und so ethnische Spannungen gefördert. Auch richtete sich die Politik meist nach den wirtschaftlichen Interessen der neuen Eliten. Frauen, die engagiert gegen die Besatzer gekämpft hatten, wurden erneut in ein traditionelles Rollenbild gedrängt. Gestaltete sich die Unabhängigkeit Ghanas 1957 friedlich, führte Frankreich einen blutigen Kolonialkrieg in Algerien (1954-62), Portugal entließ Angola erst 1974 nach 13 Jahren Krieg in die Freiheit. In Namibia (Unabhängigkeit: 1990) hielten die Kämpfe ebenfalls Jahre an.

Morde und Wirtschaftsinteressen

1960 erlangten 13 afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit, die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete eine Resolution zum Selbstbestimmungsrecht der Völker. Am 17. Januar 1961 wurde Patrice Lumumba, der erste Premierminister des unabhängigen Kongo, mit Unterstützung der früheren Kolonialmacht Belgien und der CIA ermordet. So wurde die Nationalisierung der belgischen Kupferminen verhindert. Auch heute herrschen noch ungleiche Wirtschaftsbeziehungen zwischen den früheren Kolonialmächten und den afrikanischen Staaten. Die expansive Agrarpolitik der EU zerstört etwa die bäuerliche Landwirtschaft vor Ort, der Tschad dient als Drehscheibe für das französische Militär, obwohl dort schwere Menschenrechtsverbrechen verübt werden.

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